"Ich kann leider keine Reissäcke vermehren"

20.01.2010 | München
Auch eine Woche nach dem verheerenden Erdbeben ist die Lage rund um die Hauptstadt Port-au-Prince immer noch zum Teil chaotisch. Die Hoffnung schwindet, dass Menschen doch noch lebend aus den Trümmern geborgen werden.

Dennoch gibt es kleine Wunder. Am Dienstag wurde beispielsweise eine Frau aus den Trümmern der ehemaligen Residenz des Erzbischofs von Port-au-Prince gerettet. Unter den Trümmern seien vermutlich noch weitere Überlebende, sagten Helfer. Erzbischof Joseph Serge Miot ist dagegen tot geborgen worden.

Am Mittwoch ist es gegen 6 Uhr Ortszeit zu einem heftigen Nachbeben der Stärke 6,1 gekommen. Das Epizentrum lag etwa 60 Kilometer der Hauptstadt Port-au-Prince entfernt, wo die Menschen in Panik gerieten.

In der Zwischenzeit hat der Ministerpräsident Haitis, Jean-Max Bellerive, 72 000 Tote bestätigt. Der amerikanische Nachrichtensender CNN berichtet, dass in dieser Zahl allerdings nicht die von ihren Angehörigen bestatteten Opfer oder die von UNO-Friedenstruppen aufgesammelten Leichen mitgezählt sind. Vermutlich seien allein in Port-au-Prince 150 000 Menschen ums Leben gekommen. Vor dem Beben lebten dort etwa 1,3 Millionen Menschen, so viele wie in München.

Drei Viertel der Hauptstadt sind zerstört. Die Stadt Leogane, etwa 30 Kilometer westlich von Port-au-Prince, ist gar zu 80 bis 90 Prozent zerstört. Menschen leben in kleinen Holzverschlägen auf der Straße. Viele Menschen warten weiterhin auf Nahrungsmittel, Trinkwasser und medizinische Versorgung. Laut tagesschau.de schätzen Ärzte vor Ort eine Viertel Million Schwerverletzte, um die sich noch gekümmert werden muss.

Es ist so viel zerstört, dass die Hilfskräfte vor Ort fast gar nicht wissen, wo und womit sie anfangen sollen. Zwar ist die internationale Hilfe angelaufen, doch die Verteilung von Lebensmitteln und die medizinische Versorgung vor allem in ländlichen Gebieten gestaltet sich schwierig.

In den vergangenen Tagen erreichten uns Emails von kirchlichen Ansprechpartnern im Katastrophengebiet. Sie bedanken sich darin ausdrücklich für das begleitende Gebet und die Solidarität und bitten uns weiterhin um Unterstützung. "Ich bitte euch um Hilfe, denn es sind besonders viele arme Menschen betroffen: Sie brauchen Lebensmittel, Medizin, Kleider und sauberes Trinkwasser", schreibt beispielsweise ein Priester aus dem Norden des Landes.

Unterstützung aus dem Nachbarland notwendig

Der Nuntius von Haiti, Bernardito Auza, hatte sich zum Wochenende mit den Bischöfen, die das Beben überlebt haben, getroffen, um die Hilfe im Land besser koordinieren zu können. Dabei ist er auch auf die Unterstützung des Vatikanbotschafters aus Santo Domingo, der Hauptstadt des Nachbarlandes Dominikanische Republik, angewiesen.

Auch in der Nuntiatur in Port-au-Prince gehe das Essen zur Neige, schreibt Bernardito Auza, denn Bischöfe und Koordinatoren bitten ihn um Lebensmittel. "Sie können nirgendwo anders Brot kaufen. Leider kann ich meine Reissäcke nicht vermehren. Daher brauchen wir die Hilfe des Nuntius aus Santo Domingo."

In seinem Email schreibt er, dass noch 30 Seminaristen sowie ein Gründer des Seminars vermisst würden. Ein religiöses Bildungszentrum sei eingestürzt und habe Dutzende eingeschlossen. Fast alle Seminaristen des Montfortaner-Ordens seien umgekommen, als das Haus auf ihren Minibus stürzte, als sie gerade eingestiegen seien.

Viele Kirchen sind zerstört

Im philosophischen Gebäude des Seminars seien sieben Seminaristen umgekommen und viele verwundet worden. Viele Schwestern des Ordens "Filles de Marie" lägen noch unter Trümmern, ihre Provinzialin sei tot und diejenigen, die gerettet wurden, seien verwundet.

Bei dem schweren Erdbeben wurden viele Kirchen komplett zerstört, darunter auch die Kathedrale in der Hauptstadt Port-au-Prince. Die von KIRCHE IN NOT unterstützten katholischen Rundfunkstationen "Radio und TV Sonne" existieren seit der vergangenen Woche nicht mehr. Der Nuntius hat dem Priester, der die Stationen betreute, ein neues Radio versprochen.

Am kommenden Samstag ist die Beerdigung des verstorbenen Erzbischofs von Port-au-Prince, Joseph Serge Miot. Es wird allerdings nur eine vorübergehende Beerdigung sein können, denn es sei sein Wunsch gewesen, in der Kathedrale bestattet zu werden, so der Nuntius. Eines Tages werde der Leichnam in das neue Gotteshaus überführt werden. Doch dies wird sicherlich noch lange dauern, bis es wieder eine neu errichtete Kathedrale in Port-au-Prince geben wird.

Quelle: Pressemeldung KIRCHE IN NOT / Ostpriesterhilfe Deutschland e.V.

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