Märtyrer des Alltags
Mossul gehört zu den gefährlichsten Städten im Irak. Jede Straße kann tödlich sein - wegen der Heckenschützen. Erzbischof Amil Nona fuhr an Ostern sogar im Polizeiwagen zur Mitternachtsmesse.
Er rechnete nicht mit vielen Gläubigen. Sein Vorgänger kam vor zwei Jahren bei einer Entführung ums Leben. Als Erzbischof Nona in der Kirche ankam, war sie überfüllt. "Wie seid ihr gekommen?", fragte er die Menge. "Zu Fuß." Viele Glläubige hatten einige Kilometer zurückgelegt, mit Kindern. "Für diese Menschen, die ihr Leben wagen für eine Messe, bleibe und bete ich, denn sie sind treu."
Zusammen mit einem anderen Erzbischof aus dem Irak, Bashir Warda aus Erbil, war er vor kurzem in Brüssel von Parlamentariern und hohen Repräsentanten der Europäischen Union empfangen worden. Ziel der von KIRCHE IN NOT organisierten Reise war es, die Politiker authentisch über die Lage der Christen im Irak zu informieren. Europa soll aufwachen.
Die Zahl der Christen ist von 1,4 Millionen im Jahr 1987 auf heute schätzungsweise 300 000 gesunken. Seit dem Ende des zweiten Irakkrieges 2003 sind mehr als 2000 Christen getötet worden, 40 Prozent der irakischen Flüchtlinge im Ausland sind Christen.
Solche Zahlen sind auch in internationalen Statistiken zu finden. Aber folgende Aussagen der beiden Erzbischöfe nicht: "Es gibt keine Religionsfreiheit. Artikel drei der Verfassung räumt dem islamischen Recht, der Scharia, den Primat ein. Kein Gesetz darf gegen die Scharia verstoßen. Unsere Frauen haben Angst. Ohne Schleier können sie nicht auf die Straße."
In einem Dorf von christlichen Flüchtlingen in Irakisch-Kurdistan.
Nicht selten komme es vor, dass ein Muslim seinen christlichen Nachbarn auffordere, Hab und Gut zu verlassen und zu gehen. Bleibe er, riskiere er sein Leben und das seiner Familie. Deshalb ist verständlich, dass Christen nur noch in christlichen Gebieten und Dörfern leben wollen.
Was tun, damit die Christen bleiben? Wir leisten Existenzhilfe, vermitteln Mess-Stipendien, unterstützen die Jugendarbeit. Bildungsangebote aber sind der beste Weg für die Christen, im Irak zu einer künftig freiheitlichen und humaneren Gesellschaft beizutragen. Deshalb, so die beiden Erzbischöfe, wolle man auch Schulen errichten.
In den bestehenden christlichen Schulen sind viele muslimische Kinder. Nur über die Bildung lasse sich eine neue Kultur mit Religionsfreiheit aufbauen. Das eröffnet auch Perspektiven für junge Leute, insbesondere für Frauen.
Gruppenfoto der Kommunionkinder einer christlichen Gemeinde in Bagdad.
Außerdem haben christliche Schulen auch bei Muslimen einen guten Ruf. Man kann auch eigene Bücher benutzen. Das ist notwendig, in den offiziellen Geschichtsbüchern fehlt nämlich jeder Hinweis auf die christliche Präsenz im Zweistromland. Das Christentum hat viele Jahrhunderte lang, schon vor dem Islam, die Kultur im Irak geprägt.
Heckenschützen bedrohen die Kirchgänger. Dennoch kommen die Gläubigen in den Gottesdienst - "schon um ihren Hirten nicht alleinzulassen", wie Erzbischof Nona betont. "Sie kommen bei Sturm und Gefahr. In Europa braucht es Jahre, bis jemand heiliggesprochen wird. Bei uns braucht es nur eine Kugel. Denn diese Christen sind Märtyrer des Alltags. Von ihnen lerne ich, ihr Mut gibt mir Kraft." Sie sind treu, wir sollten sie nicht alleinlassen.
Quelle: Pressemeldung KIRCHE IN NOT / Ostpriesterhilfe Deutschland e.V.
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