Nikolaus Schneider: "Frieden hat viele Wurzeln"
Bei einem ersten Gespräch im Ökumenischen Zentrum gab der Vorsitzende des Rates der EKD, Präses Nikolaus Schneider, seiner Wertschätzung für die "überaus notwendige Arbeit" des ÖRK Ausdruck. Schneider erinnerte an die Jahre der NS-Diktatur, als das Zeugnis der deutschen Kirchen "nicht ausreichte". Umso dankbarer sei er, dass die deutschen Kirchen nach dem Zweiten Weltkrieg tatkräftige Unterstützung erfahren hätten. "Wir wären heute schwächer, wenn uns damals die ökumenische Bewegung nicht geholfen hätte," so Schneider.
Generalsekretär Olav Fykse Tveit dankte Schneider für den Besuch des Rates der EKD und das Engagement der EKD. Es sei nicht immer einfach bei der großen Vielfalt aller Mitgliedskirchen voranzukommen. Tveit verteidigte in diesem Zusammenhang das Prinzip des "differenzierten Konsens" bei der Entscheidungsfindung in den ökumenischen Gremien. So sei der ÖRK zwar "kein Tröster" aber doch "ein sicherer Raum für die Zusammenarbeit in Vielfalt". Tveit betonte: "Der ÖRK ist so stark, wie die Mitglieder uns machen".
Nach der Begegnung mit der Spitze des ÖRK hielt Schneider unter dem Titel "Friede als Aufgabe der Kirche, der Staaten und der Religionen" einen öffentlichen Vortrag in der deutschen Gemeinde in Genf. "Wer den ,Kampf der Kulturen" vermeiden will, der muss von Anfang an den Dialog der Kulturen führen - im Bereich der Elementarbildung, aber ebenso auch in den Schulen, in der Konfirmanden- und Jugendarbeit, im Wachstumsfeld der Freiwilligendienste, in den Einrichtungen der Erwachsenenbildung - ja, überall dort, wo Kirche die Menschen erreicht"; betonte der Ratsvorsitzende. "Immer und überall" sei die Kirche gefordert, die Menschen an das "Licht aus der Höhe" zu erinnern, dass sie dazu befähige, ihre "Füße auf den Weg des Friedens" zu richten (Lukas 1, 78f). Deshalb sei der Friede eine "Gabe Gottes und eine Aufgabe für die Menschen", der sich die Kirche als Bildungsinstitution auf allen Ebenen zu stellen habe. Sie wolle durch ihre Angebote Gewissen bilden und zur Gewissensbindung einladen, damit der Frieden "tief im Menschen selbst" eine Verankerung finden könne, so Schneider.
Die in der Friedensdenkschrift der EKD spezifizierten und differenzierten Kriterien einer Ethik rechtserhaltender Gewalt dienen dazu, dem Einsatz militärischer Gewalt klare Grenzen zu setzen. Gewalt, so Schneider weiter, sei der Ausnahmefall, sei "ultima ratio", ein Grenzfall, der Grenzfall bleiben müsse. Prävention gehe stets vor Intervention, und Ziviles habe Vorrang vor dem Militärischen, so Schneider weiter.
Jedoch stünde es schlecht um den Frieden auf der Welt, wenn nur die Christen für ihn einträten. Doch auch in den anderen großen Weltreligionen gäbe es eine "tiefe Sehnsucht nach dem Frieden". Dies sei ihm wichtig zu betonen, so Schneider, denn "angesichts des gewaltbereiten islamistischen Terrorismus, der sich in den Terroranschlägen des 11. September 2001 öffentlich zeigte" gäbe es bei vielen Christen den Eindruck, der Islam oder andere Weltreligionen seien deutlich weniger am Frieden interessiert als das Christentum. Das aber, so der Ratsvorsitzende, sei "ein Irrtum". Für keine der großen Weltreligionen bestehe ein "notwendiger oder gar unvermeidlicher Zusammenhang" zwischen Religion und Gewalt. Doch trage häufig die Verbindung kultureller und religiöser Faktoren mit anderen, machtpolitischen, sozialen oder ökonomischen Anliegen zum Ausbruch von Gewalt oder zur Eskalation von Konflikten bei. Solche Konflikte, so der Ratsvorsitzende, könnten sich zwar "religiös artikulieren" oder können "religiös legitimiert werden", hätten aber in aller Regel "weder religiöse noch kulturelle Ursachen".
Quelle: Pressemeldung Evangelische Kirche in Deutschland (EKD)
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