Wie bei Jesus zu Gast sein

20.11.2009 | München
Wer in der Via Dolorosa in der Jerusalemer Altstadt unterwegs ist, sieht kurz nach der 8. Station des Kreuzwegs eine schmale Treppe, die zu einem Tor führt. Das Portal ist gekrönt mit einem Johanniter- beziehungsweise Malteserkreuz und einer Tafel: "Johanniter Ordens-Hospiz".

Deutsche Inschriften in Jerusalem sind selten, und so fällt dieses Türschild doppelt ins Auge. Der Besucher betritt hier eine Oase christlicher Gastfreundschaft.

Der etwas verwinkelte Bau ist bereits mehr als 150 Jahre alt. Am 1. April 1858 wurde das Hospiz (Gästehaus) von der "Balley Brandenburg des Ritterlichen Ordens St. Johannis vom Spital zu Jerusalem" von Preußen übernommen. Europäische Staaten hatten sich im 19. Jahrhundert mit Interesse und Engagement Palästina zugewandt.

König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen verfolgte die Stärkung der protestantischen Präsenz in Palästina, die in der Gründung des protestantisch-anglikanischen Bistums 1847 ihren Höhepunkt fand. Bis heute zeugen die evangelische Erlöserkirche, das Krankenhaus Auguste-Victoria mit der Himmelfahrtskirche auf dem Ölberg und weitere Bauten in evangelischer Trägerschaft von diesem preußisch-deutschen Einsatz in Palästina.

Schon bald dachte man an eine Pilgerherberge in der Stadt, die auf dem Zionsberg errichtet wurde. Zwei Zimmer für reisende Handwerker, die dort kostenlos übernachten konnten: das waren die Anfänge eines preußischen Hospizes.

1854 erwarb man ein größeren Hauses, das heute noch in der Altstadt steht und die alte Inschrift "Hospital" trägt. Dort sind inzwischen Maroniten mit ihrem Gästehaus eingezogen. 1866 tauschte man dieses Haus gegen das Gebäude in der Nähe der 8. Kreuzwegstation. Seit dieser Zeit trägt das Haus die Inschrift über dem Eingang.

Anfangs wurde das Pilgerhaus von einem Hausvater geführt. Er war über das normale Maß seiner Pflichten hinaus auch zuständig für einen gepflegten Umgangsstil im Haus und für die geistliche Atmosphäre in der Pilgerherberge. Als der neue Pastor der evangelischen Gemeinde Carl Hoffmann nach Jerusalem kam, feierte dieser ab 1867 zwei Gottesdienste pro Woche "in dem zum Bethause umgestalteten Speisesaal des Johanniterhospizes".

"Ohne viel Luxus, aber sauber und gut geführt"

Das Johanniterhospiz jener Jahre wird in zahlreichen Reiseberichten als "beste evangelische Unterkunft Jerusalems" genannt, die "zwar ohne viel Luxus, aber im christlichen Geist einfach, bescheiden, sauber und gut geführt" sei. Unter den Gästen waren erlesene Heilig-Land-Forscher und einige Künstler. Auch Kaiser Wilhelm II. und seine Gemahlin, die anlässlich der Einweihung der Erlöserkirche 1898 in Jerusalem waren, statteten dem Hospiz einen Besuch ab.

Nach Fertigstellung der Herberge der Auguste-Victoria-Stiftung auf dem Ölberg erhöhte sich ab 1910 der Konkurrenzdruck unter den Pilgerherbergen. Aber die Hauseltern des Johanniterhospizes modernisierten und erweiterten das Haus, das bis zur Eroberung Jerusalems durch die Engländer im Ersten Weltkrieg jährlich um die einhundert Gäste zählte.

Nach dem Ersten Weltkrieg war das Haus 1920 die erste Liegenschaft, die wieder zurück in deutsche Hände kam. Es wurde renoviert und konnte wieder Gäste aufnehmen, wurde an die Stromversorgung angeschlossen, musste aber zunehmend mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten kämpfen.

Auf der Suche nach geeigneten Hauseltern warben sogar zwei Bewerber mit ihrer NSDAP-Zugehörigkeit, aber man entschied sich für den parteilosen Betheldiakon Alfred Kluge, der bis 1938 mit seiner Frau den Gästebetrieb wieder in Schwung brachte.

Unterkunft für palästinensische Flüchtlinge

Nachfolger wurde der aus dem Saarland stammende Propst Johannes Döring. Er sorgte für die Schließung des Hospizes und ließ es durch einen arabischen Wächter sichern. Im Krieg um die Gründung des Staates Israel 1948 wohnten dort palästinensische Flüchtlinge. Bis zu Dörings Abreise 1954 diente das Hospiz als Unterkunft einer Lehrerfamilie, die vorderen Räume beherbergten bis 1963 eine Poliklinik. Das Haus kam 1964 wieder in den Besitz des Johanniterordens.

Mit dem Sechstagekrieg 1967 eignete sich Israel die Altstadt Jerusalems an. Das Johanniterhospiz war sanierungsbedürftig. Der Orden entschied sich dennoch zur Wiedereinrichtung des Pilgerhospizes. Die Sanierung zieht sich quasi bis heute hin, denn palästinensische Flüchtlingsfamilien beharrten lange auf ihrem Wohnrecht.

1986 vermieteten die Johanniter das Hospiz an die Jesus-Bruderschaft Gnadenthal. Eine Schwesternkommunität renovierte mit Hilfe der Brüderkommunität aus Latrun das Haus, aber die Weitergabe an die Jesus-Gemeinschaft e. V. in Marburg erwies sich als die tragfähigere Lösung.

So kam es 1994 zum Abschluss eines Mietvertrags. Nach stilvollen Renovierungen konnte 1996 die Kapelle als zentraler Raum eingeweiht werden.

Seit 1993 wird das Johanniterhospiz vom Christus-Treff aus Marburg betreut, einer jungen geistlichen Bewegung, die zwar der evangelischen Kirche nahesteht, sich aber bewusst als überkonfessionell versteht. Die Hauseltern sind seit einigen Monaten Dirk und Steffi Klingelhöfer.

"Direkt an der Via Dolorosa, dem Leidensweg Jesu, gelegen, bietet es [das Pilgerhospiz] einzigartige Möglichkeiten, um Menschen von Jesus Christus zu erzählen und sie zum Glauben einzuladen", heißt es auf der Website. Jeden Donnerstag gibt es einen besonderen Abend, der mit einem Vortrag beginnt und in einem Abendgebet in der Kapelle mündet. Studierende und Touristen schätzen den Christus-Treff.

Im von politischen und religiösen Gegensätzen geprägten Jerusalem ist der Christus-Treff durch sein Programm und seine Verantwortlichen eine Einladung, zur Besinnung zu kommen und Christen - und mit ihnen auch Christus selbst - zu treffen. Außerdem gibt es einige Gästezimmer für Pilger.

Wer - wie ich - gelegentlich das Glück hatte, zum Morgenlob und anschließenden Frühstück im Johanniterhospiz hinzustoßen zu können, der spürt etwas davon, was es bedeutet, "bei Jesus zu Gast" sein zu dürfen.

Quelle: Pressemeldung KIRCHE IN NOT / Ostpriesterhilfe Deutschland e.V.

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