"Wir Christen müssen Präsenz zeigen"
Pfarrer Joachim Schroedel ist Seelsorger der deutschsprachigen Katholiken des Nahen Ostens. Er sprach mit uns über den Exodus der Christen, westliche Illusionen vom Islam und das schlechte Beispiel deutscher Touristen im Ägypten-Urlaub.
Die Fragen stellte Volker Niggewöhner.
KIRCHE IN NOT: Herr Pfarrer, das Christentum hat seinen Ursprung im Nahen Osten. Denken wir nur an die frühen Christengemeinden auf dem Gebiet der heutigen Türkei oder an die Mönchsväter in Ägypten. Das Christentum im Nahen Osten könnte aber bald ausgestorben sein, denn die Christen wandern in Massen aus. Warum?
PFARRER JOACHIM SCHROEDEL: In all diesen Ländern erstarkt der Islam. Der Islam versteht sich als die Erlösungsreligion. Islamistische Gruppierungen finden finanzielle Unterstützung, beispielsweise aus Saudi-Arabien. Parolen, die den Islam als Lösung darstellen, schwächen automatisch das Christentum.
Die Christen waren seit dem Einfall der Muslime immer schon eine Minderheit. In Ägypten sind es nur zehn Prozent der Bevölkerung. Aber jetzt werden sie eben auch an den Rand gedrängt, weil sie selbst den Armen nicht so helfen können, wie diejenigen, die das Geld aus den Ölstaaten haben.
Zudem werden die Christen im Nahen Osten oft mit dem "Westen" gleichgesetzt, also mit Europa und den USA. Wenn ein Christ sich dort zu seinem Glauben bekennt, dann heißt es: Eigentlich bist du ja genauso wie die da drüben im Westen, die nicht mehr richtig glauben, die keine Moral haben und andere ausbeuten.
Besinnung auf religiöse und kulturelle Werte
Wie sehen junge Christen ihre Zukunft im Nahen Osten?
Ich kenne viele junge Leute, die hier keine Zukunft mehr sehen. Sie werden irgendwo in Europa oder Amerika studieren und dort bleiben. Die Not und Hoffnungslosigkeit sind stark.
Ein Beispiel: Wir hoffen, dass Palästina auch einmal eine eigene Staatlichkeit bekommen wird. Aber wir denken nicht daran, dass dann dieses Palästina wahrscheinlich auf dem Scharia-Recht fußen und eine Verfassung bekommen wird, in der die Christen vielleicht eine noch geringere Rolle spielen werden als etwa in Ägypten.
Dann werden dort viele Christen überlegen, ob sie noch bleiben - obwohl sie Palästinenser sind, die natürlich gerne in ihrem Land leben möchten. Palästinensische Christen sind fast schon gänzlich verschwunden.
Als Papst Paul VI. vor über vierzig Jahren im Heiligen Land war, gab es noch fünfzehn Prozent Christen. Heute sind es nur noch 1,5 Prozent. In Ägypten ist die Zahl stabil. Im Irak passiert wirklich das Schlimmste, was man sich vorstellen kann: Christen werden systematisch verfolgt und verlassen ihre Heimat.
Ziel vieler Ägypten-Touristen: Die Pyramiden von Giseh.
Aufgrund eines Gerichtsurteils muss die Amerikanische Universität in Kairo Studentinnen das Tragen eines Schleiers, der das Gesicht bis auf die Augen verhüllt, erlauben. Ist das ein Einzelfall?
Eigentlich sollte mit diesem Gerichtsurteil die Freiheit der Frau betont werden. Wir müssen uns von dem Satz verabschieden: Frauen werden durch ihre Männer unterdrückt, indem sie das Kopftuch nehmen müssen. Viele Frauen, ich denke die Mehrheit, machen das freiwillig. Es ist ihre Art zu zeigen, dass sie Musliminnen sind.
Diese Besinnung auf die kulturellen und religiösen Werte ist meiner Ansicht nach so stark geworden, weil wir uns im Westen nicht mehr so darstellen, wie wir uns eigentlich sollten. Ich erlebe es immer wieder im Gespräch, dass Menschen sagen, das Christentum sei überholt. Wir werden als Heiden angesehen. Nach dem Koran sind es Heiden nicht wert, in die Menschengemeinschaft aufgenommen zu werden.
Wir sollten wenigstens in den Ländern des Nahen Ostens die Christen stärken, dass sie sich als Christen bewähren und leben können. Sie zeigen offen ihre christliche Identität, indem sie ein Kreuz um den Hals tragen oder auf dem Handgelenk tätowiert haben. Und natürlich tragen sie keinen Schleier oder kein Kopftuch.
In Ägypten gilt die Scharia
Mit welchen Mitteln werden Christen in Ägypten unter Druck gesetzt?
Christen können in Ägypten relativ frei leben und ihren Gottesdienst besuchen. Aber es gibt eine subtile Unterdrückung; Christen werden an den Rand gedrängt, zum Beispiel bei Bewerbungen. Ein Christ würde als störend empfunden, wenn er nur unter Muslimen arbeiten würde. Auch im öffentlichen Leben sind Christen eingeschränkt.
In Ägypten gilt die Scharia. Christen haben nicht die gleichen Rechte wie Muslime. Die muslimische Gesetzgebung unterscheidet klar zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen. Ursprünglich gab es den Status des "Dhimmi", des Schutzbefohlenen, der höhere Steuern bezahlen musste.
Es ist kein Geheimnis, dass es in Ägypten notwendig ist, hin und wieder Bakschisch zu zahlen, also in gewisser Weise zu bestechen. Um ihrem Ziehl näher zu kommen, müssen Christen mehr zahlen als Muslime. Auf Dauer ist diese Unterdrückung belastend.
Quelle: Pressemeldung KIRCHE IN NOT / Ostpriesterhilfe Deutschland e.V.
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