Zukunftsfähigkeit hängt von nachhaltiger Entwicklung ab

14.07.2009 | Hannover
Denkschrift des Rates der EKD zu den Herausforderungen des Klimawandels

Wenige Tage nach der Veröffentlichung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zur globalen Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise wird am heutigen Dienstag, den 14. Juli, in Berlin eine Denkschrift zu den Herausforderungen des Klimawandels vorgestellt. In seinem Text zur Wirtschaftskrise "Wie ein Riss in einer hohen Mauer" hatte der Rat erklärt, dass "Krisen diesen Ausmaßes nur durch ein umfassendes Umsteuern" langfristig bewältigt und verhindert werden können. Dabei genüge es nicht, nur die zutage getretenen Risiken heutigen Wirtschaftens in den Blick zu nehmen. Es sei "vielmehr überlebenswichtig, auch die Risiken für die zukünftigen Generationen, für die armen Länder und für die natürlichen Grundlagen des Lebens als Kern künftiger Krisen zu erkennen." Dies führt die heute veröffentlichte Denkschrift des Rates der EKD unter dem Titel "Umkehr zum Leben - Nachhaltige Entwicklung im Zeichen des Klimawandels" weiter aus.

Der Vorsitzende des Rates der EKD, Bischof Wolfgang Huber, der den Text zusammen mit dem Vorsitzenden der Kammer für nachhaltige Entwicklung, Professor Lothar Brock, in einer Pressekonferenz vorstellte, schreibt im Vorwort: "Die Herausforderungen, vor die der Klimawandel Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kirche stellt, sind gewaltig. Es geht um das Überleben vieler und ein würdiges Leben aller Menschen. Am härtesten sind diejenigen betroffen, die am wenigsten zum Klimawandel beitragen: die Armen in den Entwicklungsländern. Darum vergrößert sich im Klimawandel die Kluft zwischen Arm und Reich." Die Denkschrift will einen Beitrag zur Klärung der Frage leisten, wie wirtschaftliche Interessen, die grundlegenden Lebensbedürfnisse einer wachsenden Zahl von Menschen, die Rechte künftiger Generationen und die Erhaltung der natürlichen Ressourcen angesichts des Klimawandels miteinander in Einklang gebracht werden können.

Angesichts der Herausforderungen durch den Klimawandel "sind grundlegende Veränderungen in den Konsummustern und im Lebensstil nötig", heißt es in der Denkschrift (S. 140). Die gegenwärtige Wirtschaftskrise sollte "nicht im Sinne eines bloßen Krisenmanagements bearbeitet werden, sondern für eine ökologische Umsteuerung der Ökonomie genutzt werden" (S. 141). Im Blick auf die Verhandlungen für den Klimaschutzvertrag von Kopenhagen Ende 2009 (Kyoto-Nachfolgeprotokoll) fordert der Text die Industrieländer, allen voran die EU, auf, im Blick auf die Kohlenstoffdioxidemissionen "anspruchsvolle quantifizierte Ziele für 2020 zu formulieren" und den Entwicklungsländern klare Zusagen für die Finanzierung der Kosten für den Klimaschutz zu machen. In der nationalen Politik gehe es darum, "gesetzliche Rahmenregelungen und wirtschaftliche Anreize einzuführen, um das Konsum- und Mobilitätsverhalten jedes Einzelnen zu verändern." (S. 140)

Wachstum, "das in der Form der Wachstumsrate des realen, also preisbereinigten Bruttoinlandsprodukts zum vorherrschenden Ziel der Politik und der Wirtschaft geworden ist", sei als Leitziel einer nachhaltigen, zukunftsfähigen Gesellschaft nicht geeignet (S. 115). Die Denkschrift regt deshalb eine breite gesellschaftliche Debatte an: Wie können neue politische und gesellschaftliche Leitbilder aussehen, die zur Umsteuerung der bisher vorherrschenden Nutzung natürlicher Ressourcen anregen? Wie können die Kosten, die bei der notwendigen Begrenzung des Ausstoßes von Treibhausgasen und der Anpassung aller Menschen an die schon jetzt nicht mehr abwendbare Klimaveränderung anfallen, gerecht verteilt werden? Die Denkschrift wirft diese Fragen im Bewusstsein auf, dass die Kirchen selbst in der Verantwortung stehen und sich als glaubwürdig erweisen müssen. Als Einrichtungen in der Gesellschaft sind sie in die vorherrschenden Formen des Wirtschaftens eingebunden. Dabei wissen sie sich dazu verpflichtet, die Lebensinteressen derjenigen zur Geltung zu bringen, die in den großen weltpolitischen Auseinandersetzungen der Gegenwart nur über schwache Verhandlungspositionen verfügen.

Eine gerechte Klimapolitik ist gefordert, die die Lasten des Klimaschutzes und der Anpassung an die kommenden Veränderungen gemäß der unterschiedlichen Verantwortung von Industrie- und Entwicklungsländern für den Klimawandel verteilt. Ausgangspunkt müssen gleiche Emissionsrechte für alle sein, die durch das Maximum an Treibhausgasen begrenzt werden, das die Erdatmosphäre aufnehmen kann, ohne dass sich das Erdklima über den gegenwärtig angenommenen Grenzwert hinaus (2°C) ändert.

Heute wächst das öffentliche Interesse an einem Lebensstil, der dem Gebot der Nachhaltigkeit entspricht, und an politischen Rahmenbedingungen für ein wirtschaftliches Handeln, das diesem Gebot gerecht wird. Die vorliegende Denkschrift möchte zum Nachdenken über einen nachhaltigen Lebensstil und über nachhaltiges Wirtschaften im globalen Maßstab einladen und zu konkreten Schritten auf dem Weg dorthin ermutigen.

Die Denkschrift zeigt nach einer Darstellung des Klimawandels (Kapitel 2) und der globalen Armutsentwicklung (Kapitel 3), in welchem Ausmaß der Klimawandel die Erreichung der UN-Entwicklungsziele und eine dauerhafte Armutsüberwindung gefährdet (Kapitel 4). Kapitel 5 erläutert, warum die Kirche aufgerufen ist, sich dieser Herausforderung zu stellen, und bietet eine biblisch-theologische Orientierung für die Suche nach Schritten der Umkehr in Politik und Gesellschaft. In Kapitel 6 wird ausgeführt, warum das Konzept der nachholenden und auf Wirtschaftswachstum basierenden Entwicklung nicht mehr zukunftsfähig ist, und konkretisiert das Leitbild der nachhaltigen Entwicklung. Im Schlusskapitel wendet sich der Text dem Auftrag der Kirche zu, klimagerechte Entwicklungen auf der Südhalbkugel der Erde zu unterstützen und selbst zu einem Leben umzukehren, das sich an den Leitwerten der Gerechtigkeit und der Nachhaltigkeit orientiert.

Quelle: Pressemeldung Evangelische Kirche in Deutschland (EKD)

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